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Zarensturz

Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der angespannten Beziehungen Moskaus zur europäischen Staatenwelt ist die Zahl der Veröffentlichungen zur Geschichte und Gegenwart in diesem Raum in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Auch der renommierte Osteuropahistoriker Jörg Baberowski hat jüngst neben einem Werk über das russische Imperium im 19. Jh. eine lesenswerte Studie über den Sturz des letzten Zaren Nikolaus II. verfasst.

Innerhalb von Tagen (22. Februar bis 9. März 1917) vollzog sich eines der wohl einschneidendsten Geschehen nicht nur der russischen Geschichte: Das Handeln der Entscheidungsträger des sich in kürzester Zeit auflösenden alten zarischen Regimes, das Handeln neuer Akteure auf ihrem (versuchten) Weg an die Schalthebel der Macht, Tag für Tag beleuchtend, zeichnet der Autor das Bild einer Gesellschaft in den Momenten eines völligen Umbruchs nahezu sämtlicher Lebensrealitäten. Er geht der Frage nach, weshalb sich innerhalb weniger Tage ein System, das rund 500 Jahre Bestand und viele Krisen überdauert hatte, atomisierte. 

Die Antwort: Die falschen Personen, hier vor allem der Zar, seine Entourage, sein letzter Innenminister, sein letzter Ministerpräsident, der ossetische Stadtkommandant von Petrograd, der Landwirtschaftsminister, die Generäle des Imperiums an der Front und die Diplomaten des verbündeten Frankreichs waren in diesen Tagen stets zur falschen Zeit am falschen Ort und in falschen Schlüsselpositionen. Sie trafen in den ent­scheidenden Stunden, ja Minuten, z. T. in zeitlich dichter Folge, Fehlentscheidungen mit katastrophalen Folgen. 

Aufzuzählen wären etwa die Entscheidungen des unpolitischen, realitätsblinden, passiven Zaren, der sein Ideal des familienfixierten Landedelmanns zu leben versuchte, angesichts der beginnenden Streiks in Petrograd trotzdem ins Hauptquartier nach Mogilew zu fahren und keine strategischen Entscheidungen in den Folgetagen hinsichtlich der Eindämmung selbiger formulierte. Analog dazu führten eine Mischung aus Passivität und Fehlentscheidungen des Innenministers und des Stadtkommandanten der Hauptstadt innerhalb von 3 bis 5 Tagen dazu, dass die Streikenden bis in die Innenstadt vor­drangen und die den Fronteinsatz fürchtenden Soldaten zur Meuterei anstachelten. 

Den tiefliegenden Schwächen des zarischen Systems, die sich durch den fatalen Eintritt in den I. Weltkrieg und mit verheerenden Niederlagen an den Fronten sowie Not, Willkür und Gewalt im Inneren rasch verstärkten, wird in den einzelnen Kapiteln fallbeispielhaft passend Raum gegeben. Und trotzdem war es eine Aneinanderreihung von Zufällen, die zum Zusammenbruch des Alten Russ­land innerhalb weniger Tage führte. 

Mit der Meuterei der Garnisonen von Petrograd am 28. Februar 1917, die für Monate zu einer anarchischen Übernahme der Herrschaft über die Stadt und wenige Tage später über das Reich durch Soldatenräte führte, war das Ende des Zarenreiches besiegelt. Der auf Gewalt und Terror basierenden Herrschaft der Soldateska konnte erst der noch gewalttätigere Terror und die Massengewalt der Kader der Bolschewiki ab Herbst 1917 Einhalt gebieten. Mit der Formel „Ordnung durch Terror“ lässt sich dies bis zum Tode Stalins knapp formulieren.

Es scheiterten angesichts der direkten Kontrolle der anarchischen Soldatenräte über Stadt und Land auch alle Versuche der kleinen intellektuellen liberalen, nationalen Kreise sowie der Sozialrevolutionäre und Menschewiki die reale Macht zu erringen. Fast niemand von ihnen war auf diesen Moment vorbereitet: Schon bei ihrer Ausrufung war die provisorische Regierung zum Scheitern verurteilt. 

Historiker mögen meist nicht das Prinzip des Zufalls in der Geschichte, weil dies theoretischen und häufig ideologisch motivierten Analysen den Boden entzieht. Diese Betrachtungen und Analysen Baberowskis sind ohne dies explizit zu benennen auch als fundamentale Kritik an der im universitären Bereich so populären Relativitätstheorie ausgehend von M. Foucault und J. Derrida zu lesen: fern jeder Lebensrealität und ungeeignet für das Begreifen von Geschichte. 

Gelesen werden kann das Werk auch als Parabel auf die Gegenwart in Russland, in Europa, die zeigt, wie rasant eine scheinbar stabile politische Ordnung durch eklatante Fehlentscheidungen zu Fall gebracht wird. 

Dr. Meinolf Arens

Jörg Baberowski: Die letzte Fahrt des Zaren. Als das alte Rußland unterging, C. H. Beck Verlag München, 2. Aufl. 2025, 380 Seiten, Abb., Karten, ISBN 978-3-406-83048-8, 28,00 €