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„Gegenseitige Vergebung und Versöhnung“

Gedenkgottesdienst zum 80-jährigen Jubiläum der Ackermann-Gemeinde

Exakt 80 Jahre nach ihrer Gründung feierte die Ackermann-Gemeinde in der Asamkirche zu München mit einem Jubiläums- beziehungweise Gedenkgottesdienst ihr acht Jahrzehnte währendes Bestehen. Dabei zitierte Monsignore Dieter Olbrich in seiner Eigenschaft als Präses der Sudetendeutschen in seiner Predigt den jüngst vom Leitmeritzer Bischof Stanislav Přibyl veröffentlichten Hirtenbrief, in dem dieser an die Vertreibung der Deutschen vor 80 Jahren erinnerte und das Jahr 2026 in seiner Diözese zum Jahr der Versöhnung ausrief.

Die Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde in der Erzdiözese München-Freisung, Anita Langer, hieß zu Beginn der Eucharistiefeier die Gottesdienstbesucher willkommen. „Am 13. Januar 1946 haben sich hier in München einige Männer und Frauen aus dem Sudetenland getroffen und darüber nachgedacht, wie der Boden für die Deutschen aus Böhmen und Mähren bereitet werden kann, die aus ihrer Heimat vertrieben und in den nachfolgenden Monaten in zahlreichen Umsiedlungszügen in ganz Deutschland ankamen.
Die Anwesenden des Treffens kamen überein, dass eine gegenseitige Unterstützung notwendig werden wird und das gemeinsame Schicksal im christlichen Geist der Versöhnung zu tragen sein wird. Auch wenn der Name noch nicht feststand, wird der 13. Januar 1946 als Gründungsdatum der Ackermann-Gemeinde gesehen“, erläuterte die Vorsitzende. Das Treffen damals in München sei Anlass gewesen, hier das Jubiläumsjahr mit einem Gottesdienst zu beginnen und damit die Gedenken an das 80-jährige Bestehen und Wirken der Ackermann-Gemeinde einzuleiten. Langer erinnerte auch daran, dass an jenem Tag das große Gelöbnisgebet gesprochen wurde, das der Augustinerpater Paulus Sladek formuliert hat. Einen Auszug daraus zitierte sie: „Allmächtiger, ewiger Gott! Deine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und Deine Ratschlüsse können wir nicht ergründen. Aber Du bist der Vater der Erbarmungen und der Gott allen Trostes. Auch wenn Du uns heimsuchst, Du willst uns retten. Dir wollen wir vertrauen, Deiner Vorsehung uns unterwerfen. Unser Leben legen wir in Deine Hand. Wir wollen es wieder ernst nehmen mit unseren Christenpflichten. Gedanken der Rache und neuer Vergeltung sollen nicht Macht gewinnen über unsere Herzen. Dir wollen wir unsere Sache anheimstellen, der Du Herr über alle Völker bist und alle vor Dein Gericht rufst“.

Der Zelebrant des Gottesdienstes, Monsignore Olbrich, freute sich in seiner Begrüßung über die gute Teilnahme und begrüßte besonders seinen Amtsvorgänger Monsignore Karl Wuchterl und den früheren Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde Matthias Dörr, mit dem er vor einigen Jahren – ebenfalls am 13. Januar - beim Gedenken zur Marienerscheinung in Philippsdorf/Filipov war. Auch dieses Ereignis vor nunmehr 160 Jahren gehört zu den Aspekten der Gründung des Verbandes. „Die Ackermann-Gemeinde hat einen guten Ruf, sie wird auch in Zukunft gebraucht werden“, betonte Olbrich.

Als Predigt las er den kürzlich vom Leitmeritzer Bischof Stanislav Přibyl veröffentlichten Hirtenbrief vor. Darin geht es in Erinnerung an die Jahre 1945 und 1946 um das Ende des Nationalsozialismus und auch um die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. „Bis heute ist auf Schritt und Tritt zu sehen, dass die Vertreibung der Deutschen viele Wunden hinterlassen hat, die sich in der Landschaft, in der Bebauung, vor allem aber in der Beziehung der heutigen Bewohner zur eigenen Vergangenheit und zur Geschichte des Ortes, an dem sie leben, zeigen. Zeugnisse dieser Ereignisse sind bis heute viele verfallene Häuser ohne Eigentümer, Kirchen, die verfallen, keine Nutzung haben und nur langsam wieder ins Leben zurückfinden. Die tiefsten Wunden jedoch hat dies in uns Menschen hinterlassen. Das Prinzip der Kollektivschuld sowie der oft begleitende Zorn und der Wunsch nach Rache, das plötzliche Erlangen von Besitz ohne Arbeit und ohne tiefere Bindung an den Ort – all dies hat vor allem in uns und zwischen uns tiefe Narben hinterlassen“, zitierte Olbrich den Leitmeritzer Oberhirten. Dieser wies in seinem Text auch auf von Tschechen damals begangene Exzesse - Plünderungen, Vergewaltigungen, Erniedrigungen – hin, die oft bei Deutschen auch zum Freitod aus Verzweiflung führten. Die Massaker in Aussig und in Postelberg sowie schlimme Vorkommnisse in Saaz und die Auflösung des Klosters Ossegg erwähnte Bischof Přibyl in diesem Kontext ebenso wie das Schicksal seines Vorgängers Anton Alois Weber. „Was aber können wir heute tun? Es ist niemals zu spät, zurückzublicken und mit den Mitteln, die Gott uns gegeben hat, menschlich Unlösbares anzugehen – und das sind gegenseitige Vergebung und Versöhnung. Nach Beratung im Priesterrat habe ich daher beschlossen, das Jahr 2026 zum diözesanen Jahr der Versöhnung zu erklären. Sein Kern werden zwölf Gottesdienste der Versöhnung sein, die in der Regel an Orten stattfinden werden, an denen die Vertreibung besonders unmenschlich war. (…) Ebenso freue ich mich, wenn wir bei dieser Gelegenheit den Heimatvertriebenen begegnen, den Menschen, die bis zum Ende des Krieges bei uns zuhause waren, oder ihren Nachkommen. Die Gottesdienste werden durch Berichte aus den jeweiligen Orten ergänzt, die wir gemeinsam mit Historikern erarbeiten werden. (…) Verschweigen löst keine Probleme. Im Gegenteil – alte Wunden müssen geöffnet werden, damit sie heilen können. Wird es eine endgültige Heilung sein? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es ein wichtiger Schritt in einem Heilungsprozess sein wird, den unsere Region noch immer dringend braucht. Und es muss hinzugefügt werden, dass es Orte gibt, an denen diese Versöhnung bislang erst ganz am Anfang steht. Darum rufe ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, auf, sich an diesem Prozess der Versöhnung zu beteiligen – im Bewusstsein, dass wir, auch wenn wir nicht diejenigen waren, die vor achtzig Jahren ihren Nächsten Unrecht taten, doch von jener lebensspendenden Bewegung der Vergebung leben, um die wir in dem Gebet bitten, das uns unser Herr Jesus Christus selbst gelehrt hat: ‚Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‘“, so der Bischof – zitiert von Monsignore Olbrich – weiter.

Die Fürbitten trugen in deutscher und tschechischer Sprache Anita Langer und Kamila Novotná vor, bei der Lesung fungierte Cornelius Insel als Lektor. Besondere musikalische Impulse setzten mit einigen Instrumentalstücken Stephanie Kocher (Violine) und Anna Kocher (Hackbrett). Mit dem Gebet für Europa von Carlo Maria Kardinal Martini (Erzbischof von Mailand, 1986–1993 Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen) endete der Gottesdienst, dem auf den verschiedenen regionalen Ebenen der Ackermann-Gemeinde noch weitere Veranstaltungen folgen werden.

Markus Bauer

Monsignore Dieter Olbrich, Präses der Sudetendeutschen, am Altar in der Asamkirche.
Blick auf die Teilnehmer des Gottesdienstes. In der Mitte Monsignore Karl Wuchterl.
Monsignore Dieter Olbrich, Präses der Sudetendeutschen, zelebrierte den Gedenkgottesdienst.
Anita Langer, die Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde im Erzbistum München-Freising, bei ihrer Begrüßung.
Kamila Novotná und Anita Langer vom Diözesanverband trugen die Fürbitten vor.