„Versöhnung ist niemals fertig“
Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde zum 80-jährigen Jubiläum des Verbandes
In diesem Jahr begeht die Ackermann-Gemeinde ihr 80-jähriges Bestehen, der 13. Januar 1946 gilt als Gründungsdatum. Eine Woche vor dem „Geburtstag“ widmete sich die monatliche Zoom-Veranstaltung diesem Anlass. Niklas Zimmermann, Historiker und Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat zur Geschichte der Ackermann-Gemeinde promoviert und stellte unter dem Titel „80 Jahre Ackermann-Gemeinde“ sein im Oktober erschienenes Buch mit dem Titel „Volksgruppe und Versöhnung. Die Ackermann-Gemeinde als sudetendeutscher Verband und Akteur im deutsch-tschechischen Dialog (1946-2004)“ vor. Aufgrund der besonderen Thematik verfolgten Interessierte an 74 PCs den Zoom.
Zimmermanns besonderen Bezug zur Ackermann-Gemeinde drückte sich auch darin aus, dass er bereits zum dritten Mal Zoom-Referent war, wie Moderator Rainer Karlitschek in seiner Einleitung bemerkte. Er stellte den in Basel geborenen Zimmermann kurz vor, der in Fribourg und Graz studiert und danach an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert hat. Daneben hat er Tschechisch und Russisch erlernt. Sein Beitrag beim Themen-Zoom sei der Auftakt zu mehreren Vorträgen im Ackermann-Jubiläumsjahr, kündigte Karlitschek an.
Seine Freude über den dritten Zoom-Beitrag drückte Zimmermann aus. Er erinnerte daran, dass er fast auf den Tag genau vor zehn Jahren mit seinen Forschungen begonnen und er „damals noch nichts von der Ackermann-Gemeinde gewusst“ habe. Doch sehr bald sei ihm bewusst geworden, dass man in den Aktivitäten des Verbandes die deutsch-tschechischen Beziehungen, die deutsch-tschechische Geschichte und die Historie Deutschlands sowie Tschechiens nachvollziehen könne. „Das spiegelt sich in der Ackermann-Gemeinde und in deren Kontakten“, stellte Zimmermann einleitend fest. Für den von ihm betrachteten Zeitraum machte er drei Epochen aus: Ankunft und Etablierung in Westdeutschland (ab 1946), verstärkte Solidarisierung mit tschechischen Katholiken (ab Mitte der 1960er Jahre, Osthilfekreise, Fahrten in die ČSSR), Akteurin und Vermittlerin im sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis (nach 1989, Niedergang des Kommunismus, Debatten über die Geschichte).
Als erstes zentrales Dokument zitierte Zimmermann das von Augustinerpater Paulus Sladek am 13. Januar 1946 beim Treffen im Adelgundenheim in München vorgebetete Vertriebenengelöbnis. „Wir haben nicht nach den Sünden der anderen zu fragen, wir müssen die eigene Schuld bekennen“, heißt es unter anderem darin. „Er wollte damit unter den Vertriebenen eine Haltung der Selbstreflexion in Gang setzen“, verdeutlichte der Referent. Darin sei es dem Pater auch um ein Schuldbekenntnis vor Gott gegangen. Solche oder ähnliche Gedanken hätten sich zu diesem Zeitpunkt in keiner anderen Vertriebenenorganisation gefunden. Erst in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen im Jahr 1950 wurde die Absage an Rache und Vergeltung festgeschrieben.
„Die Ackermann-Gemeinde ist aber nicht bei diesen Aspekten stehengeblieben“, führte Zimmermann weiter aus. Damit kam er zur Aussage ebenfalls von Pater Paulus beim Treffen der Ackermann-Gemeinde in Haidmühle im Jahr 1955. Der Hauptgedanke sei hier gewesen, dass das Unrecht nicht erst im Jahr 1945 begonnen habe, sondern man auch für alles einstehen müsse, was vorher passiert sei. „Das Schuldbekenntnis muss in die Vergangenheit eingreifen - auch Jahrhunderte zurück“, konkretisierte der Referent. Demnach gehe es nicht nur um die Verurteilung der Vertreibung, sondern auch um „kritische Gedanken zur Zeit vor der Vertreibung und das Bekenntnis eigener Schuld seitens der Sudetendeutschen“. Dieses Element sei im Jahr 2001 in der Ellwanger Erklärung der Ackermann-Gemeinde nochmals sehr deutlich benannt worden.
Exemplarisch aus den 1950er Jahren verwies Zimmermann noch auf eine Stellungnahme des späteren Bundesvorsitzenden Walter Rzepka, der sich im Jahr 1954 eindeutig gegen das damals in der Ackermann-Gemeine und der Landsmannschaft diskutierte Recht auf Rückkehr aussprach. Zu Wort kam aber auch – etwa in Heft 12 der Schriftenreihe der Ackermann-Gemeinde „München 1938 – eine offene Frage“ - Hermann Raschhofer. Der damalige Professor an der Universität Würzburg war zuvor unter anderem juristischer Berater in der Verwaltung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren. Der Umgang mit der Vertreibung, der Bezug zur alten Heimat und zu den Menschen dort sei immer umstritten gewesen – auch unter den Generationen. Hierzu verwies Zimmermann auf ein Schreiben der Jungen Aktion vor einer Aussprache mit dem Bundesvorstand der Ackermann-Gemeinde vom 15. Juni 1969. Diese Diskussionen seien dann im Jahr 1970 in die neuen Leitsätze gemündet, in denen die Versöhnung mit dem Osten als oberstes Ziel festgeschrieben wurde.
Abschließend plauderte der Journalist aus dem Nähkästchen. Spannend sei vor allem die Arbeit mit Primärquellen, unter anderem Dokumente der ČSSR-Staatssicherheit, gewesen. So sei hier die Rede von der „klerikal-revanchistischen Ackermann-Gemeinde“ gewesen – ein Hinweis, das der Geheimdienst die Ackermann-Gemeinde erst genommen habe.
In der anschließenden Fragerunde machte Zimmermann deutlich, dass Priester der Gruppe „Pacem in terris“ oder ein Mitarbeiter des Mendel-Museums in Brünn als Spitzel agierten. In der Tschechoslowakei sei die Ackermann-Gemeine – auch aufgrund ihres früh fixierten Schwerpunktes auf Verständigung und Versöhnung – als „Taktgeber im sudetendeutschen Spektrum“ betrachtet worden. Der kirchlich-religiöse Bezug sei auch später – etwa bei der Diskussion über die deutsch-tschechische Erklärung – ein wichtiger Aspekt gewesen. Auf die Frage, ob der Weg und der Ansatz der Ackermann-Gemeinde als Modell zur Aufarbeitung von Konflikten in anderen Regionen der Welt dienen könne, meinte Zimmermann: „Die Ackermann-Gemeinde als Organisation kann man nicht kopieren, aber das Modell des Weges von 1946. Die Versöhnung als Benennung von Unrecht durch die eigene Gruppe braucht Zeit und viele Zwischenschritte. Versöhnung ist niemals fertig.“ Ebenfalls ist für den Referenten klar, dass man ausschließlich im Dialog mit Gläubigen nicht weiterkomme. Daher habe die Ackermann-Gemeinde in den 1990er Jahren die vor allem kirchlichen Themen gewidmeten Marienbader Gesprächen durch das Iglauer (später Brünner) Symposium ergänzt, wo auch politische Themen im Fokus standen beziehungsweise stehen, und vor diesem Hintergrund der Versöhnungsgedanke vertieft wird.
Markus Bauer