Die Choden und das Chodenland in der Literatur
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Werke von Jindřich Šimon Baar beim Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde
Einem Werk aus der Literatur, konkret der Erzählung „Pro kravičku“ („Fürs Kühlein“) des Schriftstellers und Priesters Jindřich Šimon Baar (1869–1925), widmete sich der jüngste Kultur-Zoom der Ackermann-Gemeinde. Die Verantwortlichen beließen es bei diesem Titel, da diese seit der Corona-Pandemie – also seit 2020 – bestehende Online-Veranstaltung ab sofort über das Videokonferenz-Tool „Microsoft Teams“ läuft. Die Umstellung machte jedoch keine Probleme, 46 PCs waren zugeschaltet.
Der Autor stammte aus dem westböhmischen Chodenland, das auch dem Referenten des Abends bestens vertraut ist. Christoph Mauerer, der an den Universitäten in Königgrätz und Prag deutsche Sprache und Literatur lehrt, kommt aus dem nahe der Grenze liegenden Neukirchen beim Heiligen Blut, wie Moderatorin Sandra Uhlich in ihrer Begrüßung erwähnte. Als er – inzwischen vor vielen Jahren – ein Jahr lang bei den Salesianern Don Boscos in Prag verbrachte, kam er in Kontakt zur Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde. Hier engagierte er sich dann im Bundesvorstand – vor allem in Form der Gestaltung des JA-Heftes. Seit 2022 hat er seinen Wohnsitz in Tschechien, wirkt im Vorstand der Sdružení Ackermann-Gemeinde mit und widmet sich Themen aus den Bereichen Sport, Sprache und Kultur. Bei den Deutsch-Tschechischen Begegnungstagen im vergangenen August in Pilsen wurde er zum Ehrenmitglied der Jungen Aktion ernannt.
„Jindřich Šimon Baar. Grenzüberschreitend gelesen“ lautete der exakte Titel von Mauerers Vortrag. Denn drei Romane und Erzählungen Baars spielen sich teilweise auch in Bayern ab. Einleitend ging der Vortragende auf das Chodenland (Chodsko) beziehungsweise den Volksstamm der in Westböhmen ansässigen Choden ein. Das Wort bedeutet „gehen, patroullieren“, die Choden sind demnach, so Mauerer, als Grenzgänger und -bewacher zu verstehen. Er nannte die wichtigsten Orte und Städte – natürlich Domažlice (Taus) als die Metropole. Hier hat die Ackermann-Gemeinde im August 2023 übrigens ebenfalls einen Begegnungstag abgehalten. Regelmäßig beteiligen sich Choden, besonders wegen ihrer Trachten und Musik, an bayerisch-tschechischen oder oberpfälzisch-böhmischen Treffen, Festen und Veranstaltungen. „Im Landkreis Cham gelten die Choden als die typischen Tschechen“, stellte Mauerer fest.
In Klenčí pod Čerchovem (Klentsch), etwa zehn Kilometer von Domažlice entfernt, erblickte Jindřich Šimon Baar am 7. Februar 1869 das Licht der Welt. Nach dem Abitur, das er in Domažlice ablegte, studierte er in Prag Theologie und erhielt im Jahr 1892 die Priesterweihe. Nach einigen Jahren als Kaplan war er schließlich als Pfarrer in Klobuky sowie in Ořech (Worschech, ca. elf Kilometer von Prag) tätig. „Er war weit vom Chodenland entfernt, aber er hat darüber geschrieben“, erläuterte der Referent. Gestorben ist Baar am 24. Oktober 1925.
Als „Priesterdichter“, wie Mauerer ihn betitelte, fanden sich natürlich religiöse Themen und Aspekte in Baars Werken. So wird in seinem im Jahr 1925 veröffentlichen Roman „Lůsy“ eine Wallfahrt nach Furth im Wald (Brod nad lesy) beschrieben, möglicherweise handelt es sich dabei um die Wallfahrtskirche Hl. Kreuz. Hintergrund des Pilgerns dorthin war, dass die Romanfigur Král einen Sohn haben wollte und er meinte, nur Gott könne diesen Wunsch erfüllen. Daher ging Králs Gattin auf Wallfahrt. In Erinnerung an den Roman und den Autor findet inzwischen jedes Jahr am dritten Samstag im September eine bayerisch-böhmische Wanderung von Klentsch nach Furth im Wald (ca. 19 Kilometer) auf den Spuren des Roman-Ehepaares Král statt. „Entlang der Strecke sind Kunstwerke aufgestellt, mit denen Schüler des Jindřich Šimon Baar-Gymnasiums Domažlice und des Werner von Siemens-Gymnasiums Regensburg Szenen aus dem Roman dargestellt haben“, erläuterte Mauerer.
In der im Jahr 1916 erschienenen Erzählung „Hanče“ spielt Regensburg eine wesentliche Rolle. Die Geschichte handelt vom Schicksal des jungen chodischen Paares Ondra und Hanče in den Wirren der Napoleonischen Kriege. Durch Intrigen wird die Heirat des Paares verhindert, Ondra wird zum Militär eingezogen und fällt in der Schlacht bei Regensburg, die im Jahr 1809 war. Auch hier hat Baar einen religiös-theologischen Handlungsstrang eingebaut. Denn die Verlobte, die Titelfigur „Hanče“, muss um das Seelenheil Ondras beten, womit auch Regensburger Aspekte verbunden sind. In einer Exkursion war Mauerer im September letzten Jahres übrigens auf den Spuren der Erzählung „Hanče“ in Regensburg. Beim Literarischen Café der Ackermann-Gemeinde Regensburg am 10. April im Café Pernsteiner by Sipl wird er dieses Werk unter dem Titel „Jindřich Šimon Baar – Aus dem Chodenland nach ‚Renžburk‘“ näher vorstellen.
Das Hauptaugenmerk legte der Referent aber auf Baars Erzählung „Pro kravičku“ („Fürs Kühlein“) aus dem Jahr 1905 (eines der ersten literarischen Werke Baars), da hier Bezüge zur bayerischen Landeshauptstadt München beschrieben sind. Zunächst ging Mauerer auf die unterschiedlichen Namen der Stadt ein – „Minga“ (Dialekt), „Monaco“ (italienischer Name) und „Mníšek pod Alpou“ („München unter den Alpen“), ein Titel im Kontext von Künstlern aus Böhmen, die ab dem 19. Jahrhundert in München wirkten. Nicht zu vergessen, so Mauerer, seien auch die vielen Tschechen und Slowaken, die besonders nach dem Prager Frühling hierher kamen.
Die Erzählung „Pro kravičku“ beschreibt das Schicksal des jungen chodischen Ehepaares Hadam (Adam) und Barka aus Postřekov (Possigkau). Barkas Vater hat Schulden, eine Kuh wäre der halbe Lebensunterhalt. Daher hat Adam die Idee, zum Arbeiten und Geldverdienen nach Bayern zu gehen. Davon ist Barka nicht so begeistert und will ihren Mann begleiten. Ein Werber preist „Míchova“ an – also München, von Baar in der chodischen Variante geschrieben, die übrigens zumindest ostbayerischen Formen („Mir fohrn nach Micha affe“) ähnlich ist. Auch der oberpfälzische Grenzort Waldmünchen werde in der Region meist „Woidmicha“ genannt und ausgesprochen, so Mauerer. Die offizielle tschechische Übersetzung bezieht sich auf den Begriff „Mönch“ („mnich“) und heißt damit „Mnichov“. Die damals etwa achteinhalb Stunden dauernde Fahrt nach München führte ab „Brod nad lesy“ (Furth im Wald) über „Kouba“ (Cham), „Švándorf“ (Schwandorf), „Renšpurku“ (Regensburg), an der „Dunáj“ (Donau) entlang mit der „Halabale“ (Walhalla) als Sehenswürdigkeit nach „Tekntorfu“ (Deggendorf). Damit machte Mauerer den chodisch-bairischen Sprachkontakt in der Exonymik deutlich. Denn „Regensburg“ heiß offiziell in Tschechisch „Řezno“. Baar übernimmt in seinem Opus die in der Region übliche Dialektversion „Rengschburg“. Eine wichtige Rolle in der Erzählung hat der Arbeitsvermittler Pastušak, der regelmäßig Leute nach München bringt. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten wegen des doch etwas anderen Dialekts kommen alle auf ihre Baustellen, auch weil zuhause die deutsche Sprache und die deutschen Nachbarn vertraut waren. Erwähnung finden unter anderem die Pfeuferstraße (im Münchner Stadtteil Sendling) und die nicht begeistert aufgenommene Statue der Bavaria („wie ein biblischer Moloch“). Die Choden müssen in München hart arbeiten – auch die Frauen, nur sonntags ist arbeitsfrei. Hadam und Barka sehnen sich bald nach ihrer Heimat, auch wegen des Kontrastes „zwischen München als unmoralischer, gefährlicher Großstadt und dem idyllischen Chodenland“, so der Vortragende. Geschildert wird aber auch München als Kunststadt, in der viele tschechische Künstler wirken. So kommt der Maler Pavlík ins Spiel, der die Choden an ihrer Tracht erkennt und ihnen in München Kirchen und Kunsthäuser (z.B. die neue Pinakothek) zeigt. Doch das Interesse der Choden hält sich in Grenzen, selbst am Gemälde „Schlacht von Lipany“ von Luděk Marold. In diesem Zusammenhang erwähnte Mauerer, dass um 1912 ca. 4000 Tschechen oder auch Deutsche aus Böhmen in München lebten, verbunden mit eigenen Vereinen, Cafés usw.
Zurück zur Erzählung „Pro kravičku“. Als Hadam und Barka genug Geld für den Kauf einer Kuh beisammen haben, kehren sie in ihre chodische Heimat zurück. Auf dem Viehmarkt in Neugedin (Kdyně) kaufen sie eine Kuh, die aber bereits nach ein paar Wochen stirbt. Just an dem Tag kommt der Maler Pavlík zu ihnen nach Postřekov zu Besuch. Dieser stellt schließlich den Erlös aus dem Verkauf seines Gemäldes „Fürs Kühlein“ dem Paar zur Verfügung, das damit eine neue Kuh erwerben konnte. Dieses „Happy End“ fand sich aber erst in der zweiten Ausgabe des Buches.
Zusammengefasst lassen sich also in Baars Werken in mehreren Bereichen böhmisch-bayerische Beziehungen feststellen: Orte und Städte, religiöse Wallfahrten, (Saison-)Arbeit im Nachbarland, Handel (z.B. Jahrmarkt) und kulturelle Kontakte (Künstler, Maler). Nicht verschwieg Mauerer auch die eine oder andere Kritik, so etwa in der wissenschaftlichen Arbeit von Kim Karen Ucen „Die Chodentrilogie Jindřich Šimon Baars. Eine Untersuchung zur Literarisierung der Folklore am Beispiel des Chronikromans von Baar“ (München 1990). Darin schreibt die Slawistin: „In dieser Erzählung wird nämlich der Kontakt zwischen einem durchaus positiv betrachteten Leben auf dem Lande und den negativen Eigenschaften des städtischen Mileus auf eine melodramatische und idyllisch pathetische Weise geschildert.“ Auch Baar habe sich später, so Mauerer ergänzend, durchaus selbstkritisch dazu geäußert.
Markus Bauer